Willi Schneider †

Rheinbach im November 2014

Noch vor einigen Wochen bei der Probe haben wir gesagt: Wir müssen unbedingt noch mal bei Schneidersch Will in Flamersheim vorbeischauen. Jetzt ist es zu spät! Gewiss, der eine oder andere von uns war dann und wann bei ihm, aber der Landsturm als die Truppe, die ihm doch so viel zu verdanken hat, hat leider nicht mehr gemeinsam den Weg zu ihm gefunden. Nun ist unser alter Häuptling "Schitting Bull" in die ewigen Jagdgründe eingegangen.

1926 in Rheinbach geboren, hat er den 2. Weltkrieg als Flakhelfer unbeschadet überlebt. Dann folgte so etwas wie eine rheinische Bilderbuchkarriere: Vom Gleisarbeiter über die Polizei und das Finanzamt schließlich zum erfolgreichen Steuerberater. Daneben langjähriges Mitglied der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Rheinbach, 1x Schützenkönig, 2x Prinz Karneval, unermüdlicher Wanderfreund und 40 Jahre aktiver Landstürmer. Dort haben wir ihn kennen, schätzen und lieben gelernt. Wie lässt er sich - in unserem "Umfeld" -  charakterisieren?

Da war zunächst einmal "Willi, der Kollerkopp", der Weltmeister des Aufbrausens, der seinem natürlichen Temperament die Zügel schießen ließ, sobald die Hemmschwelle bei ihm, durch was auch immer, leicht reduziert war. Die Anlässe dafür waren oft schwer auszumachen und kündigten sich meist erst an, wenn es nichts mehr zu halten gab: Dann trieb ihm das Blut die Röte in die Wangen, seine Augen wurden blitzig ..... und seine Redensarten auch. Und am schönsten war "Willi, der Kollerkopp" dann zu beobachten, wenn er nach dem soundsovielten Kölsch (von anderem zu schweigen) im Taxi saß und, im vergeblichen Kampf gegen den Verlust der Muttersprache, zugleich dem Taxifahrer die günstigsten Abkürzungen zum Fahrtziel erläutern und emp- bzw. befehlen wollte.

Nach einer solchen Tour wären wir allesamt anschließend mindestens drei Tage krank gewesen. Aber das war bei unserem Willi anders, denn er war auch:

"Willi, der Unverwüstliche". Er kannte eben auch nach mehreren unmittelbar aufeinander folgenden Feiern am nächsten Morgen keine Kopfschmerzen, keine Übelkeit, keine Pulsprobleme und keine schlechte Laune. Sein Motto war immer: Früh aus den Federn und voller Lebensfreude hinein in den neuen Tag. Wer will denn, so der Unverwüstliche, die Welt verschlafen, wenn sie doch soviel Interessantes und Genießenswertes zu bieten hat?

Ja, uns und unzähligen anderen galt er auch als "Willi, der selbstbewusste Genießer". Zum Genießenkönnen gehört neben dem Selbstbewusstsein aber auch die Fähigkeit, sich selbst etwas zu gönnen. Und wer diese Fähigkeit besitzt, kann auch anderen etwas gönnen. "Mer muss och jünne künne!", dies war zweifellos eine der Lebensregeln, die Willi sich ganz besonders zu eigen gemacht hatte.

Nur so ist seine Großzügigkeit und Geselligkeit zu erklären. "Jünne künne! - Gönnen können, ohne gönnerhaft zu sein", das charakterisiert wahre Großzügigkeit, eine Kunst, die Willi Schneider beherrschte, weil er - bei allem rheinischen Grobianismus - viel natürliches Taktgefühl, viel Liebenswürdigkeit und Herzenswärme besaß, auch wenn diese Eigenschaften bei ihm oft hinter einer rauen Schale oder steil aufgestellten Stacheln versteckt waren. Angesichts der vielen freundlichen Einladungen und der immer opulenten Bewirtung seiner Gäste braucht man diese seine Großzügigkeit wohl nicht weiter zu erläutern.

Willi Schneider war aber nicht nur genussfreudig, selbstbewusst, großzügig und gesellig, sondern verfügte auch über eine weitere Eigenschaft, die alles andere als selbstverständlich ist und die bei Teilen der jüngeren Zeitgenossen immer häufiger vermisst wird: die Toleranz! "Willi, der Tolerante", das ist durchaus keine freundliche Übertreibung nach dem Motto "De mortuis nil nisi bene", sondern eine von uns sehr bewusst gewählte Formulierung. Jawohl, Willi, der Choleriker, von dem am Anfang die Rede war und der sich bei Gelegenheit heftigst und grotesk über ein schlecht gezapftes Kölsch oder andere Nichtigkeiten erregen und auch streiten konnte, war in seinem Inneren - wie wir Landstürmer oft dankbar feststellen durften - ein wirklich toleranter Mensch. „Leben und leben lassen“ war der lebensfrohe und lebenspraktische Grundsatz, der unseren Willi auszeichnete. Die Auseinandersetzung mit intoleranten Spießern hat er nie gesucht, aber auch nicht gescheut. Und an seinem Anspruch auf Selbstbestimmung hat er immer eisern und unbeirrbar festgehalten.

So hat er uns mit Gleichmut, Geduld und Vertrauen gewähren lassen. Die Veränderungen in der Welt der Unterhaltung und des Humors hat er mit Blick auf die Jugend nicht nur wahrgenommen und akzepiert, sondern in weiten Teilen sogar freudig begrüßt. Die Zunahme von Geschmacklosigkeiten jedoch wollte er für die Landsturmbühne nicht übernommen wissen und hat stets darum gekämpft, dass hier nicht jedes Tabu gebrochen wurde.

Wir alle, ausnahmslos, spielen im Leben irgendwelche Rollen, spielen uns oder anderen etwas vor. Die Landstürmer tun dies ebenfalls, und zusätzlich mit mehr oder weniger Erfolg auch noch auf der Bühne. Und da wird jeder so seine eigene Bewertung haben, wann ihm "Schneidersch Will" am besten gefallen hat. Wir können hier nicht alle Rollen aufzählen, die Willi auf der Landsturmbühne gespielt hat. Die Bilder der Galerie mögen für sich sprechen.

In den letzten Jahren hatte er sich dann mehr und mehr zurückgezogen. Im Kopf blieb er ganz klar – doch wurden ihm die langen Wege zu anstrengend. Darüber hinaus erschien ihm die Welt immer schriller und lauter. So blieb er lieber daheim bei seiner Trude, saß bei wunderschöner Aussicht  im gemütlichen Wintergarten, machte bis zuletzt alten Freunden und Bekannten noch die Steuererklärung und freute sich riesig, wenn ab und zu doch mal wieder ein alter Weggefährte vorbei schaute. Schweren Herzens hat er, der so gerne gefeiert hatte, dann auch die Teilnahme am Treffen von Alt- und Junglandstürmern im Dezember letzten Jahres abgesagt.

Er selbst bezeichnete den Landsturm gesprächsweise öfters als "eine der schönsten Beigaben zu meinem Leben". Der tosende, lang anhaltende Beifall anlässlich seiner Verabschiedung vom aktiven Bühnenleben im Jahre 2007 zeigte deutlich, dass er den Rheinbachern mit seinen Auftritten über Jahrzehnte unendlich viel Freude und Spaß  bereitet hat und wie sehr sie ihn dafür geliebt haben. Wir vermissen ihn!

[Josef Muhr und Fred Paral]